Tod in Avocadoplantagen. Wie Freiwillige nach Opfern von Terroranschlägen in Israel suchten

Kfar Aza, Be’eri, Nahal Oz, Nir Oz, Alumim, Re’im Kisufim, Ein Shlosha, Sufa, Ofakim, Sderot, Netivot - die Namen die­ser Kibbuzim und Kleinstädte im Süden Israels wer­den für immer in die Geschichte des welt­wei­ten Terrorismus ein­ge­hen. Am 7. Oktober 2023 durch­bra­chen zwi­schen ein- und zwei­tau­send Hamas- Kämpfer an 20 Orten die Grenze zum Gazastreifen und dran­gen in Israel ein. Sie griffen Zivilisten an, von denen eini­ge getö­tet, ande­re als Geiseln in den Gazastreifen ver­schleppt und vie­le als ver­misst gemel­det wurden.

Die Zahl der ent­führ­ten Israelis, die iden­ti­fi­ziert wer­den konn­ten, hat inzwi­schen 210 erreicht. Ihre Familien wur­den benach­rich­tigt. Es gibt jedoch noch kei­ne genau­en Zahlen dar­über, wie vie­le der Vermissten noch leben und wie vie­le getö­tet wur­den. Noch sind nicht alle gefun­de­nen Leichen iden­ti­fi­ziert wor­den. Die Daten ändern sich noch, da in der Nähe eines der Kibbuzim ein Musikfestival statt­fand, bei dem Teilnehmer aus ver­schie­de­nen Ländern zusam­men­ka­men, und es noch nicht mög­lich war, die genaue Zahl der Gäste und Einheimicher zum Zeitpunkt des Anschlags zu ermit­teln. Darüber hin­aus fand der Anschlag an einem Feiertagswochenende statt, an dem vie­le Israelis Verwandte in den Kibbuzim besuch­ten. Auch dies erschwert die Ermittlung der Personen, die den bewaff­ne­ten Terroristen zum Opfer gefal­len sein könn­ten. Die Suche nach den Vermissten wird auch dadurch erschwert, dass im Süden Israels noch immer Operationen zur Eliminierung der Terroristen lau­fen. Es ist daher unmög­lich, eine groß ange­leg­te Suchaktion durch­zu­füh­ren, wenn dort gekämpft wird. Kleine Gruppen von Freiwilligen began­nen jedoch bereits am zwei­ten Tag nach der Tragödie mit der Arbeit.

Unter ihnen war auch Alexandra Panyutina. Sie ist erst vor sechs Monaten nach Israel über­sie­delt und ist eine neue Repatriantin. Alexandra ist Zoologin und beschäf­tigt sich mit der Migrationsbewegungen von Tieren. Seit drei Monaten arbei­tet sie an der Universität Tel Aviv in einem Labor, das Fledermäuse unter­sucht. Sie beschloss, die Feldausrüstung, die sie bei wis­sen­schaft­li­chen Expeditionen ver­wen­det, für die Suche nach den­je­ni­gen zu ver­wen­den, die vor Kugeln und Gefangenschaft in den Gebüsch, in die Gärten und Wälder rund um die Kibbuzim geflo­hen sind. Auf der Bitte von T-inva­ri­ant ver­such­te Alexandra, das Bild der Tragödie zu rekonstruieren.

— Sasha, wie sind Sie in die Suchmannschaft reingekommen?

— Mein Kollege und guter Bekannter, mit dem wir frü­her in Russland zusam­men­ge­ar­bei­tet haben und der jetzt in Israel im Zentrum des Landes lebt, schrieb mir am 8. Oktober, dass er sich in der Nähe von Sderot befin­de und ver­su­che, wei­ter nach Süden zu gelan­gen, um nach den­je­ni­gen zu suchen, die die Flucht vom Festival über­lebt haben. Er ist Hundetrainer und hat mit dem israe­li­schen Kynologenverband orga­ni­siert, dass er dort­hin geht. Ich habe sofort gefragt, ob ich irgend­wie hel­fen kann. Ich habe zwar kei­nen Hund, aber ich habe ein pas­sen­des Auto, eine Ausrüstung für die Feldarbeit und vor allem Kenntnisse für die Arbeit in der Natur, denn ich bin eine aus­ge­bil­de­te Zoologin. So sind ich und ein ande­rer Kollege in die­se Gruppe gekommen.

Wir haben ziem­lich lan­ge gebraucht, um dort­hin zu gelan­gen, weil es unmög­lich war, den direk­ten und kür­zes­ten Weg zu neh­men. Wir fuh­ren schließ­lich durch Netivot, durch die Felder am Stadtrand. Wie sich spä­ter her­aus­stell­te, war dies eine der gefähr­lichs­ten Gegenden, in der wir uns nicht auf­hal­ten durf­ten. Trotzdem kamen wir sicher nach Be’eri, und bereits in der Gegend von Be’eri tra­fen wir auf das Suchteam.

— Woher wuss­ten Sie, wo und nach wem Sie suchen soll­ten? Wussten Sie, wie vie­le Menschen ver­misst wur­den und wie vie­le Menschen zu suchen waren? Denn davon hängt die Art der Aktion ab. Wenn man nach einer oder zwei Personen sucht, wird ein Suchalgorithmus ver­wen­det. Bei der Suche nach einer gro­ßen Gruppe - ein ande­rer. Welche Informationen haben Sie verwendet?

— Es gab ein Problem mit den Informationen. Wir haben näm­lich sofort erkannt, dass wir uns nicht dar­auf kon­zen­trie­ren soll­ten, Leute aus dem Kibbuz zu finden.

Wir wuss­ten auch, dass die Armee zu die­sem Zeitpunkt noch nicht nach Überlebenden such­te. Am 9. Oktober gab es immer noch Gebiete, in denen sich Terroristen auf­hiel­ten. Und dem­entspre­chend war die Priorität, das gesam­te Gebiet von Terroristen zu säu­bern. Das heißt, es wur­de nicht gezielt nach Menschen gesucht. Dafür gab es weder Zeit noch Kräfte. Und vor allem sind die­se Aufgaben - die Suche nach Terroristen und die Suche nach Menschen - ein biss­chen wider­sprüch­lich. Das Militär hat also nicht gezielt nach Menschen gesucht, und wir haben gehofft, dass wir dank unse­rer Hunde und unse­rer Fähigkeiten vor Ort den­je­ni­gen hel­fen kön­nen, die sich noch ver­steckt hiel­ten und den Anschlag über­lebt haben könnten.

Eines der Hauptprobleme war der Mangel an Informationen. Es gibt einen Chatroom, in dem Angehörige der Verschwundenen eini­ge Informationen über die­se Menschen schrei­ben. Diese Informationen wur­den in der Zentrale des Suchteams gesammelt.

Unsere ers­ten Aufgaben bestan­den dar­in, bestimm­te Punkte zu über­prü­fen, z. B. die Orte, an denen die Telefonpositionen eini­ger Vermisster auf­ge­zeich­net wur­den. Dann ver­such­ten wir, auf eine ande­re Art und Weise zu arbei­ten. Wir schick­ten unse­ren Kollegen in Russland das Filmmaterial, das die Hamas auf­ge­nom­men hat­te und auf dem zu sehen ist, wie Menschen durch ein Feld gejagt wer­den. Sie haben sie dort geo­lo­ka­li­siert. Wir beschlos­sen, an den Bächen ent­lang des Feldes zu arbei­ten, in der Hoffnung, dass die ein­zi­ge Möglichkeit zu über­le­ben dar­in bestand, in die­se Bäche zu gelan­gen und dann Schutz zu fin­den und sich irgend­wo in ihren Betten zu verstecken.

Das Hauptproblem war jedoch, dass wir nicht wuss­ten, über wel­che Gruppen von Menschen wir spra­chen. Wir such­ten eine oder zwei Personen oder wir such­ten 200 Personen - nie­mand wuss­te oder konn­te es uns sagen. Und tat­säch­lich weiß ich, dass nie­mand, der ehren­amt­lich arbei­tet, noch sol­che Daten hat.

Es ist wahr­schein­lich, dass sehr vie­le der ver­miss­ten Personen, nach denen jetzt gesucht wird, spä­ter iden­ti­fi­ziert wer­den. Sie sind also nicht mehr am Leben. Aber den­noch kann eine gewis­se Anzahl von Menschen geret­tet wor­den sein. Und hier die gute Nachricht: Sieben Tage nach der Tragödie ist es uns gelun­gen, ein leben­des Mädchen zu fin­den, das sich in einem Bach, in einer Höhle, ver­steckt hat­te. Sie woll­te nicht her­aus­kom­men, weil sie dach­te, Israel sei über­fal­len wor­den. Von den Helfern, die sie fan­den, erfuhr sie, dass Israel nicht ein­ge­nom­men wor­den war.

— Beschreiben Sie den Beginn der Suche.

— Das ers­te, was wir sahen, als wir anka­men, war eine Straße zwi­schen einem der am stärks­ten betrof­fe­nen Kibbuzim - Be’eri - und dem Kibbuz Re’im. Genau in der Mitte die­ser Straße, zwi­schen den Kibbuzim, fand das Festival statt - es gab dort einen Parkplatz. Zunächst ein­mal sahen wir, dass die­se Straße völ­lig ver­brannt war, es gab Spuren, dass dort die Überreste von Autos ver­brannt waren. Es stan­den Autos auf dem Parkplatz.

— Wie viele?

— Einfach unzäh­li­ge: vie­le, vie­le, vie­le, vie­le unter den Bäumen. Einige, die nicht ein­mal die Chance hat­ten, weg­zu­fah­ren, eini­ge, die offen­bar auf der Stelle star­ben oder zu Fuß zu flie­hen ver­such­ten. Einige der Autos sind sehr stark beschä­digt, ande­re ste­hen völ­lig unversehrt.

— Einige Autos wur­den also in die Luft gesprengt und in Brand gesteckt, ande­re wur­den zurückgelassen?

— Nun, die meis­ten wur­den auf die­sem Parkplatz erschos­sen. Aber ich ver­mu­te, weil vie­le Leute ver­such­ten zu flie­hen, haben sie sich inein­an­der ver­keilt. Ich mei­ne, ich habe dort kei­ne Anzeichen von Raketen gese­hen. Ich habe den Eindruck, dass es in die­sem Gebiet kei­ne Anzeichen für Beschuss gibt. Aber sie haben etwas in Brand gesteckt - ja, und es gab ein­deu­tig bren­nen­de Autos auf der Straße, denn die Spuren die­ser bren­nen­den Autos wur­den auf dem Asphalt sicht­bar. Und es gibt eine Menge Autos ent­lang der Straße, die ver­brannt wur­den. Offensichtlich wur­den sie danach in Brand gesteckt, wobei die Insassen ums Leben kamen.

— Haben Sie per­sön­lich Leichen in die­sen Autos gesehen?

— Als wir anka­men, waren die Arbeiten zur Bergung der Leichen gera­de im Gange. Es gibt in Israel eine spe­zi­el­le Gruppe, ZAKA, die sich mit der Identifizierung, dem Einsammeln der Leichen und so wei­ter beschäf­tigt. Und so arbei­te­ten sie an die­sem Tag und an den fol­gen­den Tagen in Be’eri. Als wir anka­men, war der größ­te Teil der Leichen bereits ein­ge­sam­melt wor­den, aber es gab Orte, an denen es nicht so ein­fach war, weil nicht alle Leichen voll­stän­dig und in einem Zustand waren, in dem sie als Leichen erkannt wer­den konn­ten. Ich glau­be, in den Kibbuzim wird das auch jetzt noch gemacht.

— Gab es vie­le Leichen, die äußer­lich nicht zu erken­nen waren und eine Identifizierung durch DNA erfor­dern würden?

— Ich kann nur aus den Worten der Leute urtei­len, die die Leichen abhol­ten: Ja, es gibt gro­ße Probleme bei der Identifizierung. Zumindest in den Kibbuzim von Be’eri, Nahal Oz und Alumim gab es eine Menge nicht iden­ti­fi­zier­ba­rer Leichen. Wir spra­chen mit dem Militär über die Suche nach Mädchen, die von einem Kibbuz zum ande­ren geflo­hen waren. Wir woll­ten mit der Suche zwi­schen die­sen Kibbuzim begin­nen und ver­su­chen, jeman­den zu fin­den, denn es ist bekannt, dass sie noch ver­misst wer­den. Der Mann vom Militär sag­te, dass es wahr­schein­li­cher ist, dass sie alle in dem Kibbuz gestor­ben sind, in dem sie hoff­ten, Hilfe zu fin­den, und er glaubt, dass sie alle unter den nicht iden­ti­fi­zier­ten Leichen sind.

— Wurden sie leben­dig ver­brannt oder wur­den sie zuerst getötet?

— Soweit ich weiß, ist die­se Frage noch nicht beant­wor­tet wor­den und wird auch noch beant­wor­tet werden.

— Ihre Aufgabe war es, die Lebenden zu fin­den, solan­ge es noch mög­lich war. Wohin gin­gen Sie?

— Wir haben die Idee, auf dem Feld zu arbei­ten, sofort ver­wor­fen, weil die Felder dort jetzt gut sicht­bar sind: Es gibt dort prak­tisch kein Gestrüpp mehr. Deshalb inter­es­sier­ten wir uns für die Bäche, die tro­cke­nen Bäche (sie füh­ren der­zeit kein Wasser), die an die Felder gren­zen und sie unter­tei­len, in ihnen gibt es vie­le Versteckmöglichkeiten.
Am ers­ten Tag erle­dig­ten wir ande­re Aufgaben, vor allem Signale von Telefonen, die wir von Verwandten erhiel­ten. Eher erfolg­los durch­kämm­ten wir ver­schie­de­ne Bereiche des Geländes und ver­such­ten, die drit­te Person zu fin­den, die aus dem Auto ver­schwun­den war, in dem die Leichen gefun­den wur­den, aber eine fehl­te. Um in die­ser Richtung wei­ter zu suchen, muss­ten wir jedoch in den gesperr­ten Bereich der Gärten gelan­gen, in den uns die Armee an die­sem Tag nicht hin­ein­las­sen woll­te. Also beschlos­sen wir, uns auf die­se Bäche hier zu kon­zen­trie­ren. Wir arbei­te­ten zu viert, mit einem Diensthund. Die Aufgabe bestand dar­in, in einer Kette zu gehen, unse­re Gruppe war gera­de groß genug, um das Gebiet von bei­den Seiten des Baches und in der Mitte zu durch­fors­ten. Und wir haben mit dem Hund schwie­ri­ge Stellen bear­bei­tet, so dass er durch Büsche gehen konn­te, wo ein Mensch nor­ma­ler­wei­se nicht hin­ein­ge­hen kann, und ver­sucht, dort Menschen zu finden.

— Was haben Sie gefunden?

— Wir haben Spuren der Jagd gefun­den. Das heißt, in die­sen Bächen fan­den sich Dinge, die von weg­lau­fen­den Menschen gewor­fen wur­den: eine Jacke, ein Pullover, eine Kinderjacke, eine Flasche, eine Brille.

Es war klar, dass die Leute nicht zurück­ka­men, weil sie es eilig hat­ten, zu ent­kom­men. Irgendwo fan­den wir Anzeichen dafür, dass sich die Menschen dort ver­steckt hiel­ten. Zum Beispiel gab es ein sol­ches Lager unter Tamariskenbüschen, wo Essensreste lagen, die offen­bar jemand hin­ge­legt hat­te. Aber meis­tens sahen wir Anzeichen dafür, dass die Leute rann­ten und gejagt wur­den. So gab es etwa drei Kilometer vom Feldrand ent­fernt ein ver­las­se­nes Auto, das kei­ne Anzeichen dafür auf­wies, dass es beschos­sen wor­den war. Es blieb also nicht des­we­gen ste­hen. Davor befand sich jedoch die Spur eines Quades. Es sieht also sehr danach aus, dass die­ses Auto ein­fach ein­ge­holt und ange­hal­ten wur­de, indem man vor ihm herfuhr.

— Bedeutet das, dass die Menschen in die­sem Auto als Geiseln genom­men wurden?

— Ja, höchst­wahr­schein­lich wur­den sie gekid­nappt. Wir fuh­ren noch andert­halb Kilometer wei­ter und fan­den ein Auto, das von selbst ange­hal­ten hat­te. Und anders als das ers­te Auto zeig­te es kei­ne Anzeichen, dass es ange­hal­ten wor­den war. In die­sem Auto befan­den sich Kindersachen. Es war also offen­sicht­lich ein Erwachsener mit Kindern dar­in. Und wir fin­gen an, inten­siv zu suchen, weil es in der Nähe gute Büsche gab, und wir hoff­ten wirk­lich, dass die­se Leute viel­leicht, weil es kei­ne Blutspuren gab und es kei­ne Anzeichen dafür gab, dass sie ein­ge­holt wor­den waren (es gab kei­ne Spuren von ande­ren Autos in der Nähe), wir hoff­ten wirk­lich, dass die­se Leute sich viel­leicht noch ver­steck­ten. Nun, ich mei­ne, dass sie sich hier irgend­wo ver­ste­cken und dass sie noch am Leben sind.
Also sind wir erst ein­mal den Bach ent­lang zurück­ge­lau­fen und haben ein paar Dinge gefun­den. Zum Beispiel einen hel­len Kindermantel und eine bun­te Sonnenbrille für ein etwa zehn­jäh­ri­ges Kind. Und eine fri­sche Wasserflasche. Ich mei­ne, es sind offen­sicht­lich Dinge aus die­ser Zeit und es ist offen­sicht­lich, dass die Leute es eilig hat­ten, denn, na ja, die Sachen lagen so, dass sie gar nicht ver­sucht haben, sie auf­zu­he­ben. Und dann hat mein Kollege mit sei­nem Hund hier im Schilf einen Unterschlupf gefun­den, wo eine klei­ne Babyflasche mit Wasserresten drin war. Da haben sich also Leute versteckt.

— Was könn­te das Schicksal die­ser Menschen gewe­sen sein, die sich ver­steckt hat­ten, und wohin könn­ten sie gegan­gen sein?

— Ich hof­fe, dass in die­sem spe­zi­el­len Fall das Schicksal glück­lich war, denn wir haben von dem Armeeposten, der etwa ein­ein­halb bis zwei Kilometer von die­ser Stelle ent­fernt stand, erfah­ren, dass ein Vater und zwei Mädchen vor eini­ger Zeit aus die­sem Bach gekom­men sind. Und wir hof­fen sehr, dass es ihre Fußspuren waren, die wir gefun­den haben, und dass sie geret­tet wurden.

— Aber das ist das Schicksal derer, die hier geblie­ben sind. Und die­je­ni­gen, die sich nicht in den Bächen ver­steckt haben?

— Ich glau­be, dass die­je­ni­gen, die gezö­gert haben, die sich ver­steckt haben, eine bes­se­re Chance hat­ten, am Leben zu blei­ben. Denn die meis­ten, die direkt in ande­re Siedlungen gin­gen, zum Beispiel zu einem Polizeiposten oder in einen ande­ren Kibbuz, wur­den getö­tet. Sie wuss­ten nicht, dass die nächst­ge­le­ge­nen Kibbuzim eben­falls von Terroristen ein­ge­nom­men wor­den waren, so dass es kei­nen Sinn hat­te, dort­hin zu gehen.

— Die Menschen rann­ten von einem Kibbuz zum ande­ren, weil sie dach­ten, dass sie dort Hilfe fin­den wür­den, aber sie lan­de­ten wie­der bei den Terroristen?

— Das ist der Punkt… Es ist nur so, dass nie­mand wuss­te, dass es kei­nen Sinn hat­te, dort­hin zu lau­fen, son­dern sich zu ver­ste­cken. Und da wir wis­sen, dass in Netivot eine Schlacht im Gange war, war es sehr wahr­schein­lich, dass die Leute, die sofort nach Netivot gin­gen, Opfer wur­den. Soweit ich weiß, kam die Gruppe von Menschen, die auf der von uns genom­me­nen Straße nach Netivot ging, erst viel spä­ter. Sie kamen am Abend, als die Armee vor Ort war und es zumin­dest einen gewis­sen Schutz gab. Diejenigen, die am Morgen her­aus­ka­men und sofort weg­ge­lau­fen sind, sind wahr­schein­lich wie­der in die Hände der Terroristen gefallen.

Und wir ken­nen vie­le sol­cher Geschichten, in denen Menschen ihre Verwandten anrie­fen und sag­ten: „Wir sind geflo­hen, wir lau­fen nach Hause!“, und dann wur­den sie vor den Augen ihrer Verwandten erschos­sen. Die Angehörigen hör­ten am Telefon, wie ihre Verwandten getö­tet wur­den. Es war also eine ech­te Jagd (Das Video unter dem Link wur­de von einem Hamas-unter­stüt­zen­den Kanal ver­öf­fent­licht. Wir tei­len die­ses Video, weil wir glau­ben, dass es ein wich­ti­ger Beweis für die Verbrechen der Hamas ist. Die auf­ge­zeich­ne­ten Ereignisse wur­den geo­lo­ka­li­siert. - Anmerkung der Redaktion)

Und die Jagd war nicht nur in den Städten, nicht nur in den Kibbuzim, son­dern es war eine rich­ti­ge Jagd durch den Wald, durch das Feld, über­all. Es gab nir­gend­wo mög­lich ihr zu ent­kom­men. Und die gan­ze Steinwüste war voll von Jägern, die auf der Jagd waren. Und die Erwartung, dass man unter den Bäumen Schutz fin­den wür­de - das hat bei den meis­ten nicht funktioniert.

— Sascha, Sie sind eine Feldforscherin, Sie wis­sen, wie eine Expedition im Wald aus­sieht. Wie wür­den Sie die Bedingungen in den Wäldern des Zentralrusslands mit dem Wald ver­glei­chen, den Sie gera­de gese­hen haben? Wie rea­lis­tisch ist es, sich dort zu ret­ten? Worin besteht der Unterschied?

— Ja, in Russland muss­te ich mehr als ein­mal dar­über nach­den­ken, was ich tun wür­de, wenn ich vor den Gesetzeshütern flie­hen müss­te. Und ich wuss­te, dass ich mich in unse­rem Wald immer ver­ste­cken konn­te, ich wuss­te, wie ich dort lan­ge über­le­ben konn­te. Und hier sind die Bedingungen in die­ser Hinsicht natür­lich sehr schlecht.

— Was ist das Besondere an die­sem Wald?

— Es ist kein Wald. Es ist im Grunde nur eine spär­li­che Strauch- und Baumvegetation, die kei­ne geschlos­se­nen Räume bil­det. Ich habe mir die Bäume ange­schaut und habe ver­sucht her­aus­zu­fin­den, wie ich mich dar­in ver­ste­cken kann. Denn wenn ich mich in die­ser Situation im mit­tel­eu­ro­päi­schen Streifen befän­de, wäre der sichers­te Ort, wenn man gejagt wird, in den Baumkronen. Und ich habe mir ver­schie­de­ne Unterschlüpfe ange­se­hen, die man in den Bäumen bau­en könnte.

Und ich habe kei­nen ein­zi­gen Baum gefun­den, bei dem ich dach­te, dass es ver­nünf­tig wäre, sich dort zu ver­ste­cken. Das heißt, alles ist so gut über­schau­bar, dass eine Person, die Ihnen folgt, wenn sie dort bereits hin­ein­ge­gan­gen ist, Sie auf jeden Fall dort fin­den wird.

Eine ande­re Sache ist, dass es an man­chen Stellen die­ser Bäche Schilfdickichte gibt. Das ist an sich schon ein schlech­tes Versteck, denn wenn man hin­durch­wa­tet, hin­ter­lässt man Spuren, beson­ders jetzt im Herbst, wo alles tro­cken ist. Zu die­ser Jahreszeit ist es unmög­lich, die obe­re Bodenschicht zu stö­ren und sie sofort wie­der­her­zu­stel­len. Aber es gab eine gro­ße Anzahl von Tierspuren von Wildschweinen, Füchsen, Schakalen. Und ich den­ke, das bes­te Versteck ist, die­se Tierspuren zu nut­zen, um an einer von ihnen ent­lang tief in das Schilf zu gelangen.

— Sie sind seit vier Tagen auf der Suche. In Israel ist es im Herbst heiß, aus der Sicht eines Europäers sogar eher wie im Sommer, die Temperatur liegt bei 28-30 Grad Celsius, die Bäche sind noch leer, es gibt kein Wasser. Wer hat­te unter die­sen Bedingungen bes­se­re Chancen zu über­le­ben und zu entkommen?

— Nun, ers­tens die­je­ni­gen, die einen Rucksack mit Lebensmitteln und Wasser zur Hand hat­ten. Diejenigen, die kei­ne Vorräte hat­ten, hat­ten am fünf­ten Tag mei­ner Meinung nach kaum eine Chance, bei die­sen Wetterbedingungen zu über­le­ben. Hinzu kommt, dass es in min­des­tens zwei der Nächte, in denen wir dort waren, nachts leicht reg­ne­te, und eine Person mit mini­ma­ler Felderfahrung hät­te zumin­dest ver­su­chen kön­nen, Wasser zu sammeln.

— Aber es gibt in Israel eine gan­ze Reihe von Leuten, die die­se Erfahrung haben. Das sind Leute, die aus­ge­bil­det sind, die die Armee durch­lau­fen haben.

— Ja, und das ist es, was die Hoffnung geweckt hat. Und die Hauptsache ist, dass es der Grund dafür zu sein scheint, dass vie­le Leute von sich aus auf die Straße gegan­gen sind. Eben weil die Menschen hier eine ganz ande­re Felderfahrung haben als etwa in Russland. Denn in Russland wis­sen vie­le Menschen, die sich in der Wildnis ver­irrt haben, nicht, wohin sie gehen sol­len, und haben ein­fach Angst.

Sie set­zen sich hin und war­ten auf Hilfe. Und die Israelis haben mir erklärt: Niemand wird auf irgend­et­was war­ten, wir wer­den gehen, wir wer­den etwas tun, aber wir wer­den uns nicht hin­set­zen. Einerseits haben sich dadurch die Menschen selbst geret­tet. Andererseits befürch­te ich, dass dadurch vie­le Menschen gestor­ben sind, weil sie sich zu früh geret­tet haben. Sie kamen zu früh aus ihren Verstecken heraus.

— Haben Sie unter den Suchenden auch Angehörige der Vermissten getroffen?

— Ja, wir tra­fen Zivilisten an einer der Stellen, an denen wir such­ten. Zuerst konn­te ich nicht ver­ste­hen, wie sie dort­hin gekom­men waren, denn es scheint, dass die Armee nie­man­den hin­ein­lässt und nur Leute dort arbei­ten, die irgend­wie mit den Suchaktionen zu tun haben. Aber es stell­te sich her­aus, dass es der Vater eines ver­miss­ten jun­gen Mannes war, des­sen Telefon von Verwandten in der Gegend loka­li­siert wor­den war. Und wir wur­den dort­hin geschickt, bis zu die­sem Punkt, nur wegen die­ses spe­zi­el­len Telefonsignals. Wir haben etwa zwei Stunden lang mit ihm gear­bei­tet. Uns wur­den eini­ge Soldaten zur Seite gestellt, die uns sowohl als Suchhelfer als auch als Wachen beglei­te­ten, da es sich um ein Gebiet han­del­te, in dem sich noch immer Terroristen auf­hal­ten könn­ten. Und das Schwierigste war wohl, die­sen Vater davon zu über­zeu­gen, in Ketten zu gehen. Denn er war so vol­ler Hoffnung, sei­nen Sohn zu fin­den, dass er an jedem Busch ste­hen blieb und rief: „Yuda, Yuda!“ Und man konn­te sehen, wie schwer es für ihn war und wie sehr er immer noch Hoffnung hat­te, glaub­te, dass unter die­sem Busch, unter dem man alles durch­schaut und sieht, dass dort nie­mand ist, er immer noch dach­te, dass viel­leicht jetzt sein Sohn von dort ant­wor­ten würde.
Das Schlimmste war, dass wir von die­sem Punkt abge­zo­gen und zu einer ande­ren Aufgabe geschickt wur­den, weil das Militär abzie­hen muss­te und wir nicht allein in dem Gebiet blei­ben durf­ten. Und wir fan­den eine Reihe von mensch­li­chen Fußabdrücken, die noch nie­mand unter­sucht hat­te. Und ich dach­te auch, dass es viel­leicht die Fußabdrücke sei­nes Sohnes waren, falls es dort wirk­lich ein Telefon gab. Und wir könn­ten ihnen fol­gen, das wäre eine Chance. Also über­re­de­te ich am nächs­ten Morgen einen Israeli, der frü­her in den IDF dien­te, dort­hin zu fah­ren. Er kam fast sofort im Süden an, als die Operation zur Befreiung Israels begann, und kämpf­te an der Seite sei­ner ehe­ma­li­gen Armeekollegen. Er besorg­te sich Waffen von eini­gen Verwundeten und half bei der Befreiung eines der Kibbuzim. Dann wech­sel­te ich zu den Suchaktionen. Wir beschlos­sen, zurück­zu­ge­hen und zu ver­su­chen, die Spuren auf­zu­neh­men. Aber am Morgen, als wir anka­men, stell­te sich her­aus, dass der gan­ze Weg voll von Schafen war. Völlig. Und es gab kei­ne Spuren mehr. Wir fuh­ren unge­fähr in die Richtung, in die die feh­len­den Spuren geführt haben könn­ten, und hiel­ten auf dem Bauernhof. Der Vermieter sag­te, er habe Terroristen gese­hen, aber kei­ne Ausbrecher. Und da er Jude sei und es auf sei­nem Hof vie­le Gebäude gebe, in denen sie sich ver­ste­cken könn­ten, kön­ne er helfen.

Aber es kam nie­mand zu ihm her­aus. Dann war die­ser Teil der Suche vorbei.

Und dann tra­fen wir am aller­letz­ten Tag der Operation Yudas Vater. Er kam zu der Militäreinheit, in der unser Suchteam sta­tio­niert war, und erzähl­te uns, dass es sei­nem zwei­ten Sohn gelun­gen war, ein Duplikat der SIM-Karte des Vermissten zu besor­gen und sich in das GPS des Telefons zu hacken. Und obwohl das Telefon des Sohnes aus­ge­schal­tet ist, sen­det er immer noch alle paar Minuten ein GPS-Signal aus, damit er gefun­den wer­den kann. Es zeig­te einen Punkt an, der fünf Kilometer ent­fernt war. Es war etwa 20 Minuten vor Sonnenuntergang und es war klar, dass wir nicht in das Gebiet gelan­gen konn­ten, in dem sich das Telefon befand, falls es wirk­lich dort war. Erstens wür­de uns nie­mand hin­ein­las­sen. Zweitens war die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich um einen Hinterhalt han­del­te und das Telefon in den Händen von Terroristen war. Zu die­sem Zeitpunkt war bereits bekannt, dass vie­le Terroristen, die die Telefone ihrer Opfer an sich genom­men hat­ten, die­se nutz­ten, um Nachrichten zu ver­schi­cken, ihren Verwandten Videos von der Ermordung ihrer Lieben zu schi­cken und sie in sozia­len Netzwerken zu ver­öf­fent­li­chen. Besonders besorg­nis­er­re­gend war, dass sich der Punkt auf Gaza zube­weg­te. Es bestand jedoch immer noch die Möglichkeit, dass sich eine des­ori­en­tier­te Person in die­se Richtung bewe­gen könn­te. Der Vater sag­te, dass der ver­miss­te Sohn nicht in der Armee war, d.h. er hat­te kei­ne gute Ausbildung.

— Er könn­te sich also ver­lau­fen haben?

— Ja, ers­tens könn­te er sich ver­irrt haben, und zwei­tens könn­te er unter Schock gestan­den und sich unre­gel­mä­ßig bewegt haben. Und nach der Entfernung von dem Punkt zu urtei­len, an dem wir zwei Tage zuvor nach ihm such­ten, wenn er sich sehr lang­sam beweg­te, sagen wir, hin­fiel und dann wie­der auf­stand, ent­sprach das in etwa der Entfernung, die ein des­ori­en­tier­ter Mensch in schlech­ter kör­per­li­cher Verfassung zurück­le­gen kann. Dann ver­such­ten wir, die Straßensperre zu durch­bre­chen, um näher an den Ort her­an­zu­kom­men. Ich hat­te die Idee, einen Quadrocopter von der Straße aus zu starten.

— Und hat­ten Sie einen Quadrocopter dabei, den Sie schon ein­mal bei Ihrer Feldforschung ein­ge­setzt hatten?

— Ja, natür­lich hat­te ich einen. Ich habe ihn benutzt, um Tiere zu beob­ach­ten, ein sehr ama­teur­haf­tes Gerät, das 30 Minuten lang flie­gen kann. Normalerweise fliegt man damit nicht wei­ter als zwei Kilometer. Aber da das Militär uns nicht durch­ließ und die Sonne bereits unter­ging, beschloss ich, es von der Basis aus zu star­ten. Stellen Sie sich vor, da drau­ßen lebt ein Mensch und sein Vater sieht mich als sei­ne letz­te Hoffnung an, da konn­te ich ein­fach nicht anders. Und eigent­lich habe ich mich schul­dig gefühlt, dass wir die­se Spuren nicht sofort über­prüft haben, dass ich dem Senior in unse­rer Gruppe nicht gleich am ers­ten Tag gesagt habe, dass es not­wen­dig ist, zu blei­ben und die Spuren zu überprüfen.…

— Die dann von Schafen zer­tram­pelt wurden?

— Ja, die wir des­we­gen ver­lo­ren haben. Mir wur­de klar, dass ich sofort alles tun muss­te, um mei­nen Sohn zu fin­den. Wenn er sich noch län­ger in die­se Richtung bewegt, wird er ent­we­der von den Israelis erschos­sen oder er wird sich den Terroristen anschließen.

Ich habe ver­sucht, eine Drohne dort­hin zu schi­cken, habe sogar die Gegend gefilmt, in der der Punkt war. Und auf dem Rückweg hat­te ich nicht genug Ladung, um mit dem Wind fer­tig zu wer­den. Es herrsch­te dort oben ein sehr star­ker Wind, und sobald ich tie­fer kam, ver­lor die Drohne die Kommunikation und ich muss­te sie abho­len. Das GPS in die­sem Gebiet funk­tio­nier­te nicht, was bedeu­te­te, dass die Drohne nicht von allei­ne zurück­flie­gen konn­te. Ich muss­te die Drohne auf maxi­ma­le Höhe brin­gen, um zurück­flie­gen zu kön­nen, und dort hielt sie der Wind ziem­lich an Ort und Stelle. Er schaff­te es kei­ne zwei Kilometer bis zu unse­rer Basis und fiel um. Aber weil ich hoff­te, dass auf dem Stick eine Aufzeichnung war und wir sehen wür­den, ob dort Menschen waren, ob es dort eine Person gab, ver­brach­ten wir noch meh­re­re Stunden damit, irgend­wie dort­hin zu gelan­gen oder mit dem Militär zu ver­han­deln, um die Drohne zu bekom­men. Und dann hör­te ich von mei­nem Vater, dass die Leiche in Bury iden­ti­fi­ziert wor­den war.

Und jetzt den­ke ich, dass das Handy viel­leicht die gan­ze Zeit am sel­ben Ort war. Es könn­te also von Terroristen abge­holt und ent­sorgt wor­den sein. Aber da das Signal immer wie­der abprall­te, hat­te ich das Gefühl, dass sich die Person beweg­te. Vielleicht ist der Terrorist also tat­säch­lich mit ihm gegan­gen. Vielleicht lag er aber auch nur die gan­ze Zeit an der­sel­ben Stelle, und die Angehörigen sahen die Illusion der Bewegung und hoff­ten, den Mann lebend zu finden.

— Was von dem, was Sie gese­hen haben, hat Sie am meis­ten scho­ckiert? Was wer­den Sie nie vergessen?

— Die Jagd. Hier ent­lang des Baches, an dem wir ent­lang­gin­gen, der der ergie­bigs­te war, und wie wir jetzt wis­sen, war es der­je­ni­ge, in dem wir arbei­ten muss­ten und in dem wir wei­ter­ar­bei­ten muss­ten, sah ich an einem Punkt eine Menge Autos oben auf der Klippe. Zuerst konn­te ich nicht ver­ste­hen, was Dutzende von Autos dort mach­ten, denn der Festivalparkplatz war auf der ande­ren Seite der Straße, etwa fünf­hun­dert Meter entfernt.

Und als wir uns dem Ort näher­ten, erkann­te ich, dass es sich nicht um einen Parkplatz han­del­te… Es war ein Friedhof… Es war nicht schwer, das Bild zu rekon­stru­ie­ren, was pas­siert war. Die Leute nah­men den kür­zes­ten Weg durch das Feld, weil die Straße beschos­sen wur­de und nie­mand auf ihr unter­wegs war. Und die Leute beschlos­sen, dass es am sichers­ten war, über das Feld zu lau­fen, damit die Gefahr, erwischt zu wer­den, gerin­ger war. Aber die meis­ten Autos hat­ten Vorderradantrieb, kei­nen Allradantrieb, und sie blie­ben in den Furchen ste­cken, stie­ßen zusam­men und ver­such­ten, ein­an­der aus­zu­wei­chen. So wur­den sie ein­ge­klemmt und starben.

Hier sind auch die Avocadoplantagen, zu denen wir am ers­ten Tag nicht gekom­men sind. Als wir den Straßenrand absuch­ten, fan­den wir drei Stellen, an denen der Zaundraht durch­bro­chen war. Wir haben nach­ge­se­hen, es war wirk­lich nicht sehr schwer, ihn mit den Händen zu zer­rei­ßen. Dort, wo die Abschnitte mit­ein­an­der ver­bun­den waren. Und es war offen­sicht­lich, dass jemand in die­se Lücken ein­ge­drun­gen war. Unser Kollege mit dem Hund kam 24 Stunden spä­ter dort an. Er ging bis zur gegen­über­lie­gen­den Grenze der Gärten. Und dort fand er Dinge. Dinge und Spuren, die dar­auf hin­deu­ten, dass sich die Läufer ver­fan­gen hat­ten… Diese Leute hat­ten kei­ne Zeit, einen ande­ren Zaun zu überwinden.…

— Woran haben Sie gemerkt, dass Sie die Suche been­den mussten?

— Anhand des Wetters: der Temperatur und des Wassermangels. Wir berech­ne­ten und erkann­ten, dass Mittwoch, der 13. Oktober, mehr oder weni­ger der letz­te Tag war, an dem es Sinn mach­te, nach Überlebenden zu suchen. Da wir aber am Mittwoch die Suche an den Orten, die uns am viel­ver­spre­chends­ten erschie­nen, nicht abschlie­ßen konn­ten und wir am Donnerstag unge­hin­dert dort­hin gelan­gen konn­ten, beschlos­sen wir, wei­ter­zu­ar­bei­ten. Und in die­sem Moment schien es uns, dass es nicht mehr mög­lich war, zu über­le­ben. Wir selbst hat­ten ziem­lich gro­ße Wasservorräte mit­ge­nom­men, die am Ende des Tages völ­lig auf­ge­braucht waren. Und der Hund war sehr müde und konn­te prak­tisch nicht mehr arbeiten.
Das heißt, sie war völ­lig erschöpft. Und wir schätz­ten die Chancen auf eine Flucht auf Null. Denn wenn eine Person in die­ser Zeit nicht her­aus­kam, kein Zeichen gab, kein Signal gab, war sie ent­we­der ver­wun­det und starb an Blutverlust, oder sie muss­te irgend­wie ver­su­chen, her­aus­zu­ste­chen und sich bemerk­bar zu machen.

Aber wir haben uns geirrt. Jetzt, wo wir von dem Mädchen wis­sen, das gefun­den war… Ich bereue wirk­lich, dass wir gegan­gen sind, denn viel­leicht hät­ten wir noch etwas tun können.…

Das Problem war, dass es für unse­re Gruppe als neue Israelis sehr schwie­rig war, Genehmigungen zu erhal­ten, irgend­wo hin­zu­ge­hen und zu erklä­ren, dass wir tat­säch­lich etwas Gutes tun könn­ten. Und es schien mir, dass wir nichts mehr tun konn­ten, da die ande­ren Israelis, die mit uns zusam­men­ar­bei­te­ten und wuss­ten, wie man vor Ort ver­han­delt, die Suche been­det hat­ten. Das bedaue­re ich jetzt sehr. Ich den­ke, wenn wir noch ein oder zwei Tage län­ger gear­bei­tet hät­ten, hät­ten wir viel­leicht jeman­dem hel­fen können.

Das Foto stammt aus dem Archiv Alexandra Panyutina

Text Olga Orlova

  25.10.2023